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Der neunte Tag

Der neunte Tag
historisches drama , deutschland 2004
original
regie
volker schlöndorff
drehbuch
eberhard görner, andreas pflüger
cast
ulrich matthes,
august diehl,
bibiana beglau,
hilmar thate,
germain wagner, u.a.
spielzeit
97 Minuten
kinostart
11. November 2004
homepage
bewertung

7 von 10 Augen

 

Vom "Untergang" noch weit entfernt: Altmeister Volker Schlöndorffs ("Die Stille nach dem Schuss", "Die Blechtrommel") neuer Film "Der Neunte Tag" basiert auf Jean Bernards Tagebuch "Im Pfarrerblock 25487". Der Luxemburger Pfarrer war während des Krieges im KZ Dachau interniert. Allerdings befasst sich der Regisseur mit genau der Periode, die im Tagebuch am wenigsten beschrieben wird: Die Beurlaubung des Pfarrers für neun Tage, in denen er Dachau verlassen durfte um vorübergehend nach Luxemburg zu fahren. An diesen "Urlaub" ist allerdings eine Bedingung geknüpft. Kehrt er nach Ablauf der Frist nicht zurück, werden die übrigen Pfarrer umgebracht. Schlöndorffs Film erforscht eindringlich die quälenden moralischen Konflikte, denen der Pfarrer in dieser Zeit ausgesetzt war.

Erst kann Abbé Henri Kremer (Ulrich Matthes) sein "Glück" kaum fassen: eben noch fürchtete er, gehängt zu werden, nun ist er auf dem Weg nach Hause zu seiner Familie. Doch der so genannte Urlaub entpuppt sich bald als schwere Prüfung. Als er sich wie befohlen im Gestapo Hauptquartier meldet, erfährt er den wirklichen Grund seiner Heimfahrt: Als Mann von Einfluss soll er den Bischof von Luxemburg (Hilmar Thate) dazu bringen, sich als Vertreter der Katholischen Kirche offiziell auf die Seite Hitlers zu stellen und somit Einfluss auf alle gläubigen Luxemburger auszuüben. Und nicht nur das: der junge, aufstrebende Gestapo-Chef Gebhardt (August Diehl, "23", "Anatomie 2") verspricht ihm persönliche Vorteile, gar die Freilassung aus dem KZ, falls Kremer kooperiert. Gebhardt steht somit für all das, was Kremer verabscheut: Eigennutz, persönlichen Gewinn, Skrupellosigkeit. Die ungleichen Männer haben anscheinend nur eins gemeinsam, nämlich ihren Glauben an Gott. Dass der unterschiedlich ausgelegt werden kann, ist wohl nichts Neues. Über die folgenden Tage diskutieren die beiden ihre unterschiedlichen Interpretationen. Dabei übernimmt der widerlich glattgegelte Gebhardt die Rolle der Schlange, des teuflischen Verführers, der den Mann Gottes auf das Niveau der Mitläufer hinunterzerren will. Einen Judas, einen Verräter will er aus ihm machen, und genau davor hat Kremer am meisten Angst.

August Diehl spielt den selbstgefälligen Karrieristen zwar gut, aber Ulrich Matthes ist besser. Beim Wortgefecht zwischen den beiden Figuren kommt der Film aus dem Gleichgewicht. Vielleicht ist Diehl einfach zu jung, um die Rolle glaubwürdig zu tragen. Am Anfang nimmt man ihm den aufstrebenden, seinerseits unter Druck stehenden Chef noch ab, aber zum Schluss wirkt er eher wie ein Junge in Verkleidung. Das mag beabsichtigt sein, nützt aber nichts: Gegen die starrenden Augen von Ulrich Matthes hat er keine Chance. Den KZ-Insassen nimmt man ihm ab wie keinem anderen. Ausgemergelt, blass und verschlossen sieht er aus. Als Zuschauer fragt man sich, was diese Augen gesehen haben müssen, um so versteinert zu sein. Wer einmal eine KZ-Gedenkstätte besucht hat, wird es sich vielleicht vorstellen können.
In einem Fernsehinterview zu seiner Rolle als Joseph Goebbels in "Der Untergang" sagte Ulrich Matthes, er habe diese Rolle überhaupt nur annehmen können, weil er wusste, dass er sich unmittelbar nach der Täter-Rolle mit der Rolle des Opfers auseinandersetzen müsste. Ähnlich wie Dietrich Bonhoeffer (der im Gegensatz zu Jean Bernard im KZ hingerichtet wurde), der seine Zweifel am Glauben und an seiner Identität während der Haft in Briefen und Gedichten erörterte (siehe auch den Film "Bonhoeffer - Die letzte Stufe"), ringt Kremer mit Gott, seinem Gewissen und Fragen der Verantwortung. Seine Geschwister können ihm dabei auch nicht helfen, denn sie sind hauptsächlich an der eigenen Sicherheit interessiert. Der Film zeigt, dass außer ihm höchstens noch der Bischof, der sich ins innere Exil zurückgezogen hat, so hohe Ansprüche an sich und seine Moral stellt.

Nach einer eher gewöhnlichen Anfangssequenz wählt Volker Schlöndorff eine ungewöhnliche Perspektive auf die deutsche Geschichte, und gerade das macht seinen Film interessant. Allerdings stellt auch "Der Neunte Tag" seinen Zuschauern die typischen Fragen: Wie hätten Sie gehandelt? Kann man es jemandem verübeln, der seine Chance nutzt, nicht ins Lager zurückzukehren? Hätten Sie Widerstand geleistet? Das lebensrettende Wasser geteilt? Fragen, die keiner so einfach beantworten kann, heute wie damals. Fest steht, dass Deutschland mehr Menschen wie Kremer gebraucht hätte. Vielleicht ist das der Denkanstoß, den Schlöndorff uns geben wollte.

Anna Plumeyer

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