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Die Blumen von gestern

Die Blumen von gestern
tragikkomödie , deutschland 2016
original
regie
chris kraus
drehbuch
chris kraus
cast
lars eidinger,
jan-josef liefers,
hannah herzsprung,
adèle haenel, u.a.
spielzeit
125 Minuten
kinostart
12. Januar 2017
homepage
http://die-blumen-von-gestern.de/
bewertung

5 von 10 Augen
Die Blumen von gestern

Ein Film ist mehr als die Summe seiner Teile. Genau das beschreibt die Problematik der deutschen Tragikomödie “Die Blumen von gestern“ am Besten. Für sich genommen funktionieren sehr viele Szenen und auch die beiden Hauptfiguren eigentlich ziemlich gut. Allerdings werden diese in eine heillos konstruierte und überfrachtete Geschichte gepackt, die insbesondere ihre tragischen Momente und Emotionen mit viel zu künstlichen Wendungen und Ideen erkaufen will, anstatt einfach der Ausstrahlung und dem Witz seiner beiden Hauptfiguren zu vertrauen.
 

Wirklich lustig sollte es bei der Arbeit von Toto (Lars Eidinger) ja eigentlich nicht zugehen – schließlich ist er Holocaust-Forscher und plant gerade einen Auschwitz-Kongress. Sein Vorgesetzter Balthasar Thomas (Jan Josef Liefers) sieht diesen Kongress allerdings eher als großes Medien-Event an, während dem von Natur aus in Ernsthaftigkeit versunkenem Toto nichts ferner liegt. Seine eher pessimistische Grundeinstellung zum Leben bekommt allerdings erste Risse, als Toto mit der Betreuung der ständig unter Strom stehenden französischen Praktikantin Zazie (Adèle Haenel) betraut wird. Zazie ist psychisch nun nicht wirklich stabil und in ihrer durchgeknallten Art das komplette Gegenteil von Totos Frau Hannah (Hannah Herzsprung, “Who am I“, “Traumfrauen“), mit der sich dieser schon länger auseinandergelebt hat. Ob Zazie in dem stets korrekten und von Selbstzweifeln geplagten Toto neue Lebensgeister wecken kann?
 

Eine Tragikkomödie über Holocaust-Forscher – das klingt nicht gerade nach den Zutaten für einen Kinofilm von der Stange. Das hätte bei dem Regisseur und Drehbuchautor wohl auch verwundert, denn immerhin war Chris Kraus bereits für den eindrucksvollen “Vier Minuten“ verantwortlich - auch wenn das nun schon wieder zehn Jahre her ist. Schauspielerin Hannah Herzsprung ist von damals auch wieder mit von der Partie, auch wenn sie diesmal in einen wenig vorteilhaften Fatsuit gepackt wurde. Der Fokus liegt aber auf zwei anderen Darstellern und man kann gleich einmal vorneweg sagen, dass sowohl Lars Eidinger als auch die junge Adèle Haenel ihre Rollen mehr als gelungen ausfüllen.
 

Aufgrund der Figurenkonstellation, dem ungewöhnlichen Umfeld und dem Dialogwitz könnte man den Film auch ruhigen Gewissens in die Kategorie Screwball-Komödie stecken – gewürzt mit einem Schuss Tragik. Es wird auf jeden Fall schnell klar, dass die aufgedrehte und äußerste labile Zazie den armen Toto komplett in den Wahnsinn treiben wird. So wirft unsere französische Praktikantin mal eben bei voller Fahrt einen Hund aus dem Auto – damit muss man als 40jähriger Historiker natürlich auch erst mal klar kommen. Keine Frage, den großen Charme zieht der Film aus diesem ungleichen Duell, das jede Menge Situationskomik garantiert. Glücklicherweise hat Kraus auch noch ein Händchen für gute Dialoge und so gelingen dem Film tatsächlich immer wieder witzige und sympathische Momente nicht ganz so trauter Zweisamkeit. Das liegt wie gesagt auch an den beiden Hauptdarstellern, denn Haenel und Eidinger harmonieren ziemlich gut miteinander und entwickeln jede Menge Charme als ungleiches Duo.
 

Jenseits unserer beider Hauptfiguren sieht es da aber schon etwas trister aus. Jan-Josef Liefers spielt den für das Genre typischen aalglatten Nebenbuhler, kann aus dieser eindimensionalen Rolle aber nicht wirklich viel machen. Die restlichen Kollegen im Institut agieren nur als Stichpunktgeber, nicht wie wirkliche Menschen aus Fleisch und Blut, und die arme Hannah Herzsprung ist in ihrer Nebenrolle im wesentlichen verschenkt - was aber mehr an der kaum ausgearbeiteten Figur und weniger an ihrer Schauspielleistung liegt. Auch wenn die Nebenfiguren nicht gelungen sind, mit zwei wirklich gut aufspielenden Hauptdarstellern lässt sich so ein Manko zumindest halbwegs verkraften. Ebenfalls ein Auge zudrücken kann man bei so manch konstruierten Mechanismus, der nötig ist um die beiden Hauptfiguren zusammenzubringen. Dass Balthasar seine große Liebe ausgerechnet zur Arbeit mit seinem Erzfeind verdonnert macht so zum Beispiel nicht wirklich Sinn. Drauf gepfiffen kann man sagen, mag das Storygerüst auch wackeln, mit Witz und Sympathie halten unsere beiden Turteltäubchen das ja schon zusammen.

 

Das Problem ist nur, dass der Film den Figuren leider nicht dieses Vertrauen entgegenbringt, sondern sich zusätzlich noch eine dramatische Hintergrundgeschichte ausdenkt. Diese soll erklären, warum Zazie nun unbedingt Zeit mit Toto verbringen möchte und gleichzeitig den Zuschauer auch noch mit einer großen Portion Emotion und Tragik beglücken. Was man sich da aber ausgedacht hat ist so an den Haaren herbeigezogen und konstruiert, dass doch der Verdacht aufkommt, dass hier auf billige Art und Weise Emotionen geschürt werden sollen. Das Storygerüst kommt jetzt schon gehörig ins Wanken, bricht aber dann spätestens im Schlussakt komplett in sich zusammen, als der Film noch eins obendrauf setzt und gleich die nächste maßlos übertriebene Wendung aus dem Hut zaubert.
 

Da muss man dann, bei aller Liebe für die Hauptfiguren und den Spaß den man mit ihnen hatte, einfach auch mal die rote Karte aus der Hosentasche ziehen. Irgendwann ist der gute Wille eben auch mal aufgebraucht. “Die Blumen von gestern“ startet als erfrischend andere Komödie, nur um sich dann mit unnötigem tragischen Ballast selbst das eigene Wasser abzugraben. Da kann dann auch das sympathische Ende, das im Angesicht des Genres überraschend offen gehalten ist, nicht mehr viel retten. Im Endeffekt bleibt am Schluss einfach ein fader Beigeschmack, auch wenn der Film einige Zeit lang durchaus zu unterhalten weiß.

Matthias Kastl

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