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I, Tonya

I, Tonya
schwarze komödie , usa 2017
original
i, tonya
regie
craig gillespie
drehbuch
steven rogers
cast
margot robbie,
sebastian stan,
allison janney,
paul walter hauser, u.a.
spielzeit
120 Minuten
kinostart
22. März 2018
homepage
bewertung

8 von 10 Augen
I, Tonya - Poster

Die Älteren unter uns werden keine Erläuterung brauchen, wer Tonya Harding ist, denn jeder, der 1994 alt genug war, um halbwegs die Nachrichten verfolgen zu können, wird einen der größten Skandale in der amerikanischen Sport-Geschichte mitbekommen haben. Für die Jüngeren unter uns grob die Eckdaten: Tonya Harding war Anfang der 90er Jahre professionelle Eiskunstläuferin, die mit ihren technischen Fähigkeiten beeindruckte und einen ewigen Platz in den Bestenlisten ihres Sports hat als die zweite Frau, die in einem Wettbewerb erfolgreich einen dreifachen Axel gesprungen ist. I, TonyaHarding fehlte jedoch immer die Eleganz und Grazie, die man im Allgemeinen mit Eiskunstlaufen verbindet, und so stand sie damals im Schatten ihrer großen Konkurrentin Nancy Kerrigan, einer Eisprinzessin wie aus dem Bilderbuch. Wenige Wochen vor den Olympischen Winterspielen in Lillehammer kam es dann zu einem tätlichen Angriff auf Kerrigan, bei dem die Sportlerin schwer am Bein verletzt wurde. Wie die ermittelnden Behörden schnell herausfanden, war dieser Angriff von Hardings Ex-Mann Jeff Gillooly in Auftrag gegeben worden mit dem Ziel, Hardings ärgste Konkurrentin für den olympischen Wettbewerb auszuschalten. Während sich die Boulevard-Medien auf der ganzen Welt auf den Skandal stürzten und die öffentliche Kontroverse, ob Harding persönlich von dem geplanten Angriff gewusst hatte, in vollem Gange war, erholte sich Kerrigan schnell genug von ihrer Verletzung, so dass beide Läuferinnen am olympischen Wettbewerb teilnehmen konnten. Es wurde das Eiskunstlauf-Finale mit der größten Einschaltquote aller Zeiten. 

Diese "Sternstunde" überdrehter Medien-Hysterie wird nun in "I, Tonya" nacherzählt, und das auf ziemlich ungewöhnliche und höchst erfrischende Weise. Autor Rogers und Regisseur Gillespie ziehen ihr Biopic über Tonya Harding als halbe Mockumentary auf - wie in einer vermeintlichen Dokumentation äußern sich die Hauptakteure der Geschichte in "heute" geführten Interviews zu den damaligen Ereignissen, die dann wiederum als richtige Spielszenen gezeigt werden. In den Interview-Szenen ist dabei allen Akteuren daran gelegen, sich selbst möglichst im besten Licht darzustellen und die damaligen Ereignisse aus ihrer Perspektive geradezurücken - was natürlich dazu führt, dass sich alle permanent widersprechen und sich gegenseitig als Lügner darstellen. I, TonyaAuch wenn sich "I, Tonya" sauber an die historisch verbürgten Fakten hält, zieht der Film seinen eigenen Spaß und den seines Publikums vor allem aus diesem teils absurden Rechtfertigungs-Ballett, das dabei auf zwei Ebenen funktioniert: Zum einen als schwarze Komödie über eine Gruppe nur leidlich intelligenter Menschen, die ihre Verwicklung in einen legendären Sport-Skandal möglichst klein reden wollen, zum anderen als durchaus hintersinniger Kommentar über die Natur von Wahrheit und die Tatsache, dass diese immer im Auge des Betrachters liegt. Mit seinen diversen, durchweg unzuverlässigen Erzählern unterstreicht "I, Tonya" diese alte Weisheit auf sehr unterhaltsame Weise. 

Der Film interessiert sich dabei gar nicht so sehr für den weltbekannten Skandal, sondern setzt seinen Fokus vornehmlich auf Hardings Leben bis zu diesem Punkt. Und so steht neben der abwechselnd in Leidenschaft und Gewalt eskalierenden Beziehung zwischen Tonya (Margot Robbie) und Jeff (Sebastian Stan, der "Bucky Barnes" aus den "Captain America"-Marvel-Filmen) vor allem Tonyas Verhältnis zu ihrer Mutter LaVona (Allison Janney) im Fokus. Eine Rolle, für die Janney höchstwahrscheinlich den Oscar als beste Nebendarstellerin bekommen wird, und das vollkommen zurecht. Denn die schon seit locker zwei Jahrzehnten eigentlich konstant großartige Mimin legt hier eine Vorstellung hin, die selbst das ebenfalls phänomenale Spiel von Robbie in der Hauptrolle in den Schatten stellt. I, TonyaSie porträtiert LaVona als grandios herzlose Arschloch-Mutter und ist mit ihren erbarmungslos trockenen Gemeinheiten über ihr angeblich schlicht undankbares Miststück von Tochter sowie ihren "Ich habe sie abgehärtet!"-Rechtfertigungen für ihre lieblos-brutale Erziehung das fraglose Highlight des Films. 


Tonya Harding entstammt einem sozialen Umfeld, das man auf Deutsch als Asi-Proletariat bezeichnen würde und das in Amerika gemeinhin white trash genannt wird. Und es ist sehr beachtlich, wie "I, Tonya" es schafft, zugleich eine schwarze Komödie darüber zu sein, wie sich ein paar typische Vertreter dieses Milieus auf spektakuläre Art an einer kriminellen Verschwörung verheben, weil sie sich für ungefähr zehnmal cleverer halten als sie wirklich sind (allen voran Paul Walter Hauser als Hardings selbsternannter Leibwächter Shawn Eckhardt), und ein durchaus Empathie weckendes Drama darüber, wie diese Herkunft Hardings Leben gezeichnet und ihre Karriere erschwert hat. Tatsächlich kommt man als Zuschauer kaum umhin, Mitgefühl für diese Proll-Prinzessin zu empfinden, wenn der Film zeigt, wie schwer Harding es vor allem in der Frühphase ihrer Karriere hatte, sich im Eislauf-Zirkus überhaupt durchzusetzen, als die mächtigen Funktionäre und Kampfrichter des Sports ihr mit unverhohlenen Standesdünkeln deutlich machten, dass man so eine wie sie mit ihren billigen, selbstgenähten Kostümen und stillosem Auftreten nicht dabei haben möchte.

Nicht weniger markant ist die Beiläufigkeit, mit der die fast schon alltägliche Gewalt in Hardings Leben bespielt wird - die konstanten Misshandlungen erst durch ihre Mutter und dann durch ihren Mann sorgen für einige der härteren Momente des Films, vor allem wenn die Schuldigen sich in den Interview-Szenen dafür rechtfertigen und ohne jedes Schuldbewusstsein kleinreden, was sie ihrer Tochter bzw. Ehefrau angetan haben. Das legt indes auch die Grundlage für einen der besten schwarzhumorigen Gags des Films, wenn die in ihrem Leben x-mal verprügelte Harding ihr Unverständnis darüber äußert, warum die ganze Welt so ausgerastet ist, nur weil Nancy Kerrigan einmal einen Schlag aufs Bein bekommen hat. 

I, Tonya

Es ist wirklich beeindruckend und sehr unterhaltsam, mit welch ungewöhnlicher Erzähl-Strategie dieses Biopic aufgezogen ist und wie es mit sehr geschickten Nuancierungen in der Tonalität immer wieder den Spagat zwischen durchaus authentischem Drama und bitterböser, satirischer Komödie schafft. Es ist aber auch beeindruckend, dass "I, Tonya" dabei auch als Sportfilm erstaunlich gut funktioniert, und wie hervorragend dieser Aspekt umgesetzt ist. Es gibt eine ganze Reihe Szenen, die Harding auf dem Eis zeigen, inklusive einer fast vollständigen Nachstellung ihrer berühmtesten Kür, und es ist tricktechnisch ganz großes Kino, dass diese Szenen tatsächlich wirken, als hätte Margot Robbie das alles genau so selbst für die Kamera nachgelaufen. Dass hier wirklich nicht zu erkennen ist, wo Einstellungen mit der Darstellerin enden und die mit einem Double (oder per Spezialeffekt umgesetzte) beginnen, verdient mehr als eine lobende Erwähnung und trägt entscheidend dazu bei, dass man als Zuschauer wirklich in diesen Film eintauchen kann. 

Getragen von hervorragenden Darstellern, vor allem den wirklich Oscar-würdigen Darbietungen von Robbie und Janney, erweist sich "I, Tonya" als echtes Kino-Schmankerl, das den legendären Harding/Kerrigan-Skandal auf wirklich originelle und clevere Weise aufbereitet. Es gehört schon einige Finesse dazu, diese Geschichte so genussvoll satirisch zu zerrupfen, und gleichzeitig genau das richtige Maß an Sympathie für eine Frau zu erzeugen, die damals die meistgehasste Sportlerin der Welt war. Im ansonsten sehr formelhaften und überraschungsfreien Biopic-Genre ist "I, Tonya" jedenfalls ein Kleinod von fast einmaligem Einfallsreichtum. 

Frank-Michael Helmke

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