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Liebe

Liebe
drama , Österreich/frankreich 2012
original
amour
regie
michael haneke
drehbuch
michael haneke
cast
isabelle huppert,
jean-louis trintignant,
emmanuelle riva,
alexandre tharaud, u.a.
spielzeit
125 Minuten
kinostart
20. September 2012
homepage
http://www.liebe.x-verleih.de
bewertung

10 von 10 Augen
Liebe - Poster

Wer bisher daran zweifelte, dass der Österreicher Michael Haneke („Das weiße Band“, „Caché“) zu den größten derzeitig tätigen europäischen Regisseuren gehört, wird durch „Liebe“ eines Besseren belehrt. Der mittlerweile 70-jährige Haneke, der mit 46 Jahren erst mit Langfilmen fürs Kino begann, liefert mit seinem Gewinner der Goldenen Palme in Cannes dieses Jahr sein Meisterwerk ab. „Liebe“ ist ein Film über eine erwachsene Liebe, in der nach den guten nun die schlechten Zeiten kommen, in denen sich zeigt, ob man zueinander hält, so widrig auch die Umstände sein mögen.

Liebe - HanekeSchon vor drei Jahren fuhr der österreichische Regisseur in Cannes mit einer Goldenen Palme für das düstere, preußisch-protestantische Drama „Das weiße Band“ heim und so ist Haneke 2012 der Regisseur mit dem geringsten zeitlichen Abstand zwischen zwei Goldenen Palmen. „Das weiße Band“ wurde nach seiner Auszeichnung in Cannes im Vorjahr 2010 als deutscher Beitrag für den fremdsprachigen Oscar nominiert, verlor aber das Rennen gegen den argentinischen Film „In ihren Augen“. 2012 war „Liebe“, im Wettbewerb des Filmfestivals von Cannes das einzige Werk, bei dem sich die internationale Presse vor Ort einig war, dass es den Hauptpreis verdiente. So ist zu hoffen, dass Haneke dafür 2013 auch endlich seinen Oscar bekommt. Ins Rennen darum wurde „Liebe“ bereits von Österreich geschickt.

„Liebe“ beginnt mit Sanitätern, die eine Wohnungstür aufbrechen müssen, nachdem sich die Nachbarn im Haus über Gestank beschwert haben. Eine tote Frau liegt umkränzt mit Blumen aufgebahrt auf dem Bett im Schlafzimmer. Direkt im Anschluss wird die Zeit davor gezeigt. Das Filmpublikum schaut auf ein Konzertpublikum, das die Ansage „Bitte nun ihre Mobiltelefone ausschalten“ hört und für das ein Pianist zu spielen beginnt, den das Filmpublikum jedoch nicht sieht. Stattdessen blickt es weiterhin ins Publikum, in dem auch die Protagonisten sitzen, die beiden ehemaligen Musikprofessoren Georges (Jean-Louis Trintignant) und Anne (Emmanuelle Riva). Sie sind beide über 80, als Anne eines Morgens mitten im Gespräch katatonisch wird und sich kurz darauf nicht daran erinnern kann und Georges Schilderung nicht glaubt. Es stellt sich heraus, dass sie einen Schlaganfall hatte. Bald darauf geht es ihr schlechter, doch sie nimmt ihrem Mann nach einem Krankenhausaufenthalt mit einer schlecht verlaufenen Operation das Versprechen ab, dass er sie nie wieder dorthin zurückbringen wird. Dieses Versprechen stellt sich als schwer heraus, geht es ihr doch im Verlauf des Films schlechter und schlechter, bis sie nicht nur an den Rollstuhl, sondern bald ans Bett gefesselt ist und immer weniger sprechen und am Leben teilhaben kann.

„Liebe“ spielt außer der Anfangssequenz im Konzerthaus nur in der Wohnung der beiden zwischen Bücherregalen, Flügel und Parkett unter Einbeziehung weniger anderer Figuren, wie zum Beispiel der Tochter, die von Isabelle Huppert wunderbar distanziert und überfordert dargestellt wird.

„Liebe“ war der leiseste Film des Festivals von Cannes, in dem die eloquenten und oftmals humorvollen Dialoge langsamer werden und schließlich ganz verstummen, so wie auch die klassische Musik langsam aus beider Leben weicht, bis nur noch Stille herrscht. Wenig ist im Kino schwieriger, als Menschen beim Sterben zuzuschauen, und so ist auch „Liebe“ schmerzhaft. Im Gegensatz zu den absurd-komischen Szenen, die Dresens Krebstod-Dokudrama „Halt auf freier Strecke“ letztes Jahr immer wieder für kurze Momente aufbrachen, entlässt Haneke sein Publikum nie wieder aus der Furcht vor dem eigenen Tod. Keine Hochkultur, keine Schönheit von Musik und Kunst können Altern und Sterben verhindern.

Liebe - HanekeGeorges und Anne sind beide nicht religiös und finden bislang Halt in der geliebten Musik. Doch mit der Zeit wird ihnen auch diese zu viel. So ist der Besuch des ehemaligen Klavierschülers von Anne, der vom bekannten französischen Pianisten Alexandre Tharaud gespielt wird, Anne unangenehm, denn sie kann nun nicht mehr selbst spielen und die Welt dort draußen hat immer weniger mit der ihren zu tun.

Die Dialoge des Films sind meist wenig dramatisch, sondern klingen authentisch und alltäglich-beiläufig. Riva und Trintignant gehen so vertraut miteinander um, als seien sie wirklich ein seit Dekaden zusammenlebendes Paar. Diese Intimität wird sichtbar gebrochen von Huppert in der Rolle ihrer Tochter, deren Besuche die beiden als Eindringen in ihre private Welt empfinden.

Diese Rollen sind nicht alltäglich, sondern verlangen den Schauspielern viel ab. Riva und Trintignant sind beide über 80 und somit schon weit über ihre Lebensmitte hinaus, so dass ihre Auseinandersetzung mit Tod und Sterben hier schon persönliche Implikationen haben muss. Sich emotional in diese Rollen hineinzuversetzen, muss eine physische und psychische Tortur gewesen sein, die beide trotzdem meisterlich in schauspielerische Darbietungen umsetzen. Beide sind Ikonen der Nouvelle Vague, er für Éric Rohmers „Meine Nacht bei Maud“ (1969), sie für Alain Resnais' „Hiroshima mon Amour“ (1959). Emmanuelle Riva spielte in über 40 Filmen mit, Trintignant in über 100. Extra für Hanekes Film sind diese beiden Legenden des französischen Kinos noch einmal vor die Kamera zurückgekehrt.

Es gibt eine quälend lange Einstellung ohne Schnitte, in der eine Taube sich in den Flur der Wohnung verirrt hat und Jean-Louis Trintignant hüftsteif versucht, diese wieder einzufangen. Die Wahl, hier bewusst durchgehend zu filmen, ist es, was Haneke auszeichnet, es aber auch dem Zuschauer unmöglich macht, sich dieser unangenehmen Situation zu entziehen. Er ist gezwungen, all dies mit den Schauspielern mitzuerleben, muss die Entwürdigungen des physischen und psychischen Verfalls ertragen und wünscht im Laufe des Films irgendwann, dass ihr Leiden bald zu Ende sein möge.

Liebe - HanekeGerade im Gegensatz zu all dem Glitzer und Pomp von Cannes zeigte sich mit Riva und Trintignant, der 1969 in Cannes den Schauspielpreis gewann, was wahre Schauspielkunst vermag. Auf dem Roten Teppich dominierten zwar Bilder von Robert Pattinson und Co., doch sind die beiden über 80-jährigen aufgrund ihrer schauspielerischen Leistung die weit größeren Stars. Die größtmögliche Authentizität für eine Rolle zu schaffen, die so echt wirkt, dass man sie nicht mehr für Spiel hält, ist wahre Kunst. Doch dafür gibt es wenig Stoffe und so kann man das Kammerspiel „Liebe“ eindeutig als Schauspielerfilm bezeichnen. Auf dem Roten Teppich zeigt sich die Obsession unserer Zeit mit der Jugend und ihrem jungen Liebesglück, während die alternde Liebe in ihren Facetten meist ausgeblendet wird, so dass Haneke im präzisen und schonungslosen Zeigen einer solchen Beziehung alter Menschen und das auch noch in einem Stadium des physischen und psychischen Verfalls ein Tabu bricht.

Riva, anfänglich als Anne noch etwas eitel, gibt sich komplett ihrer Rolle hin und verfällt in ihrer Gestik und Mimik quasi vor dem Zuschauer. Ihre Gesichtszüge werden immer starrer, ihre Extremitäten langsam steif und gekrümmt und wie sie darum kämpft, Worte zu formen und herauszubringen, ist so echt und gleichzeitig so unerträglich quälend, dass es zu Tränen rührt. Es ist schade, dass in Cannes ein Hauptpreis nicht mit Nebenpreisen kombiniert wird, so dass der Gewinn der Goldenen Palme automatisch den Preis für die beste Schauspielerin ausschloss, denn keine andere Leistung in Cannes überflügelte die ihre.

Auch die Kameraarbeit des iranischen Kamerameisters Darius Khondji („Midnight in Paris“, „Evita“) ist wunderbar. Hanekes Film ist von langen Einstellungen mit nur minimaler Kamerabewegung gezeichnet, die den Zuschauer zwingen, sich direkt mit den Figuren auseinanderzusetzen und ebenfalls das Set um sie herum intensiv zu betrachten. Die Einstellungen sind wunderbar komponiert und geben der Geschichte genau den passenden Rahmen.

Es ist trotz wunderbarer Schauspieler, Sets, Musik und Kamera wahrlich nicht einfach, “Liebe” zu sehen, denn dieses stille, sensible und intensive Meisterwerk ist eine schonungslose Konfrontation mit der eigenen Sterblichkeit, präzise, beobachtend und verstörend, dabei auch noch in quälend lange Einstellungen gebettet. Jede Szene fordert die Mitarbeit des Zuschauers, denn Michael Haneke, der sich mit diesem Film selbst die Frage stellte „Wie gehe ich mit dem Leiden eines Menschen um, den ich liebe?“, wertet nicht selbst, sondern fordert den Zuschauer heraus, das Gesehene für sich zu verorten. Wie stirbt man in Würde? Was bedeutet Würde, wenn man sich nicht mehr selbst waschen oder seine Wünsche niemandem mehr mitteilen oder sich nicht mehr wehren kann? Wie würde ich mich in solch einer Situation verhalten? Was ist ein Versprechen wert, dass einem vom Partner abgenommen wird? Und die vielleicht grundlegendste Frage: Was ist mir die Liebe?

Margarete Prowe

Ich verstehe die Frage am

Ich verstehe die Frage am Ende nicht. "Was ist mir die Liebe?" Irgenwas fehlt da.

@ Gast: Nee, da fehlt nix.

@ Gast: Nee, da fehlt nix. Ist nur eine etwas "altmodische" Formulierung. Quasi Goethe-Deutsch. "Was ist mir die Liebe?" heißt so ungefähr "Was bedeutet Liebe für mich, was ist für mich der Wert der Liebe, wie wichtig ist sie mir?". Von daher bringt diese Frage die Sache hier in der Tat ziemlich genau auf den Punkt.

Mich würde noch brennend die

Mich würde noch brennend die Qualität der deutschen Synchronisation interessieren. Die Ansprüche dürften gerade bei diesem Film recht hoch sein.

Wer weiß was?

Zum Thema "Synchro": Ich hab

7

Zum Thema "Synchro": Ich hab den Film im französischen Original mit deutschen Untertiteln gesehen, und genau dazu rate ich auch. Übersetzungen sind so eine Sache - zumal, wenn sie zwecks Lippensynchronizität mit ähnlich vielen Silben arbeiten müssen. Das merkt man in der OmU schon mit ein paar Brocken Schulfranzösisch. Beispiel: Anne ruft mit gequälter Stimme. "Hilfe!" sagt der deutsche Untertitel. Auf Französisch ruft sie "Mal! Mal!", was wohl eher "Schmerzen! Schmerzen!" bedeutet. Im Deutschen ist das schwer wiederzugeben. "Au! Au!" passt nicht, die wörtliche Übersetzung wäre unüblich und "Ich habe Schmerzen!" wäre zu lange und würde auch nicht in die Situation passen. Deshalb kommt man schon mit ein bisschen Schulfranzösisch näher an den eigentlichen Inhalt des Films. Für mich ein klares Argument für die OmU.

Zum Film selbst: Die Schauspieler sind topp und allein schon den Kinobesuch wert. Der Rest des Films hat viele Gemeinsamkeiten mit Hanekes vorigem Werk "Das weiße Band", angefangen bei der Filmmusik (nicht vorhanden) über die Kameraführung (Bewegung war gestern) bis hin zum Drehbuch. Letzteres ist der Grund, warum ich "Liebe" nur mit sieben Augen bewerte. Genau wie sein Vorgänger liefert es starke Szenen, um deretwillen es sich lohnt den Film zu sehen. Genau wie beim Vorgänger setzt dann aber im letzten Drittel ein intellektueller Höhenflug ein, dem ich nicht folgen konnte und auch nicht wollte.

/// SPOILER ///
Eine sehr eindringliche Szene, die mich vollständig in ihren Bann gezogen hat, mündet abrubt in die aufeinanderfolgende Einblendung von vier oder fünf Gemälden mit Landschaftsmotiven. Dazu Stille. Warum? Ich hab es nicht verstanden. Anschließend setzt die Handlung an anderer Stelle fort, und es wird auch später nicht geklärt, was es mit den Bildern auf sich hat. Vielleicht bin ich Kulturbanause, dass ich nicht die geniale Symbolik erkenne. Das nehm ich hin, aber die Einblendungen haben mich komplett aus dem Film geworfen. Bis zum Schluss, der urplötzlich hereinbricht und irgendwie nicht zur vorherigen Handlungsentwicklung passt, hab ich nicht wieder hinein gefunden. Ebenso ratlos verfolgte ich dann die Schlussequenz, welche ihre vielleicht halbwegs als Ende taugende Vorgängerszene um deren ohnehin schwache Wirkung bringt.
/// SPOILER ENDE ///

Als ich aus dem Kino ging, hatte ich den Film bereits vollständig abgehakt. Kein inneres Nachklingen, keine Benommenheit, kein wie auch immer gearteter Wunsch, sich auch nur ansatzweise mit dem Gesehenen auseinander zu setzen. Nur der Wunsch, schnell wieder nach Hause zu kommen und irgend etwas Erfüllendes zu tun. Zum Beispiel diesen Kommentar bei Filmszene zu schreiben.

Alles in allem würde ich sagen, dass "Liebe" ein Film ist, den man wegen seiner schauspielerischen Klasse und starker Einzelszenen einmal sehen kann und vielleicht sogar sehen sollte. Wer "Das weiße Band" mochte, könnte begeistert sein. Für das intellektuelle Fußvolk, zu dem auch ich mich zähle, bleibt immerhin ein Trost: Nächste Woche ist der Deutschlandstart von "Abraham Lincoln - Vampire Hunter", ein weiterer Film übers Sterben. Ich freu mich schon auf die OmU.

Geht durch Mark und Bein

10

Geht durch Mark und Bein __

Für mich sicher der eindringlichste Film des Jahres. Ohne jegliche falsche Rührseeligkeit wird hier bedingungslose Liebe erschreckend traurig dargestellt. Geht mir nach Monaten nicht mehr aus dem Kopf.

Ich muss sagen, dass ich die

6

Ich muss sagen, dass ich die positive Reaktion der Filmkritiker auf diesen Film, der einen Preis nach dem anderen erhalten hat, nicht teilen kann. Mich hat lediglich die ausgezeichnete Leistung der Hauptdarsteller überzeugt. Mit Regie und Drehbuch von Haneke kann ich aber wenig anfangen. Warum der Film „Liebe“ heißt, blieb mir auch ein Rätsel. Davon war bei dem älteren Ehepaar nicht (mehr) viel zu spüren. Stattdessen ein respektvoller Umgang miteinander, gemeinsame Interessen, die verbinden, und hier vermutlich die Basis einer langen Ehe darstellen. Der Film ist so kühl inszeniert, mit unnötigen belanglosen Szenen wie Staubsaugen, langen Einstellungen, etwa von Gemälden, dass mir am Ende jede emotionale Bindung zu den Personen fehlte und mich ihr Schicksal ziemlich unberührt ließ. Geradezu umständlich und verwirrend fand ich wie Haneke den Film zu Ende brachte. Letztlich finde ich auch das (vorher noch nicht einmal abgeklärte) Handeln der Hauptfigur moralisch für sehr fragwürdig.

Ich habe noch nie einen Film

4

Ich habe noch nie einen Film gesehen, der ein solches Gefühl der Hoffnungslosigkeit hinterlässt, wie dieser. Dagegen war ja "The Road", Platz 1 meiner Drama-Top 10, fröhlich wie eine Kindergeburtstagsfeier!
Natürlich waren die Darsteller phantastisch und die Geschichte ergreifend. Trotzdem nur fünf Punkte aufgrund meines persönlichen und subjektiven Geschmacks. Bei mir hinterließ der Film nichts, außer Leere und Sinnlosigkeit! Ich hätte auch einem Hund beim Sterben zusehen können und dabei nicht Mehr und nicht Weniger empfinden können. Und wer will schon freiwillig einem Hund beim Sterben zusehen...

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