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Sideways

Sideways
tragikomödie , usa 2004
original
sideways
regie
alexander payne
drehbuch
alexander payne, jim taylor
cast
paul giamatti,
thomas haden church,
virginia madsen,
sandra oh, u.a.
spielzeit
124 Minuten
kinostart
3. Februar 2005
homepage
bewertung

10 von 10 Augen

 

"Struggling artists in their twenties can play the poet maudit and find romance. Struggling artists hitting 40 are ready for the glue factory." - Rex Pickett, Autor des Romans "Sideways"

Miles (Paul Giamatti) ist vom Leben gebeutelt: Die Trennung von seiner Ex-Frau immer noch nicht überwunden, den stumpfen Job als Lehrer satt, die geplante Karriere als Autor lässt auf sich warten. Und das mit fast 40. Gut, dass als Ablenkung sein langgeplanter Trip durch die Weinanbaugebiete Kaliforniens mit seinem alten College-Kumpel Jack (Thomas Haden Church) ansteht. Der will in einer Woche heiraten und plant - sehr zu Miles' Leid - die Reise als wahren Junggesellenabschied, in dem noch schnell flachgelegt werden muss, was sich vor ihm nicht schnell genug retten kann. Und während Jack blitzschnell die lebenslustige Weinverkäuferin Stephanie (Sandra Oh) klargemacht hat, hat Miles da größere Probleme. Zwar findet er die mittlerweile ebenfalls wieder im Single-Dasein angelangte Kellnerin Maya (Virginia Madsen) mehr als nur nett, aber als ein in Sachen Rendezvous chronisch Unbeholfener hat er es - gerade angesichts Jacks Macho-Eskapaden - nicht gerade einfach. Und so steht den beiden ungleichen Kumpels ein absurder, bisweilen schmerzhafter, vor allem aber auch lehrreicher Weinverköstigungsstrip bevor...

Die schlechte Nachricht: Ich trinke keinen Wein, und dies ist ein Film über Wein und die, die ihn trinken. Die gute Nachricht: Das macht überhaupt nichts, denn der Wein ist hier natürlich nur Mittel zum Zweck - und der Zweck ist eine Reise to boldly go where few movies have gone before: in die Gefühlswelt des Mannes. Und die richtig gute Nachricht: "Sideways" ist über jeden Meter Zelluloid so großartig, wie man es erwartet und erhofft hat. Vorschusslorbeeren hat der Film nämlich im Magnumflaschen-Format bekommen: Kritikerlob noch und nöcher, sich niederschlagend in Dutzenden Filmpreisen und sich daran knüpfenden Oscar-Prognosen. Selten war man sich so einig, selten hatten alle so recht: "Sideways" ist ein grandioser Streifen, wie ein verloren geglaubter Schatz aus einer vergangenen goldenen Ära.
Diese Ära ist das New Hollywood der 1970er, in der auch in der Traumfabrik ernsthafte und intelligente Filme über - und jetzt kommt's - richtige Menschen gemacht wurden. Man hat das ja fast vergessen über die zahllosen Abziehbilder und zynischen Stereotypen, die einem seit Etablierung des Blockbusters schonungslos wieder und wieder vorgesetzt werden. Wie sich das anfühlt, einen Film über wirkliche Menschen mit wirklichen Gefühlen, Sorgen und Nöten zu sehen, ganz ohne Effekte oder Effekthascherei. Wie das ist, mit richtigen Menschen mitzufühlen anstatt zur Identifikation mit Reißbrettcharakteren genötigt zu werden.
Zudem ist dieser Film bei aller Traurigkeit und Bittersüße in vielen Szenen das mit Abstand Lustigste, was man seit Jahren gesehen hat, und lustiger als 99% von dem, was Hollywood dem Publikum so als Komödie vorsetzt. Natürlich gibt es hier reine Slapstick wie Nacktfluchten oder absurde Autounfälle. Die ist dann wie die beste Teenagerkomödie aller Zeiten, nur ohne Toilettenhumor und ohne Teenager. Noch viel öfter ist der Humor jedoch feinsinniger, ergibt sich im fabulösen Dialogwitz und erinnert an Woody Allen, als der noch gut war. Und in den Momenten dazwischen reicht einfach nur der Blick auf Paul Giamattis unnachahmliche Verlierer-Visage, um vor Lachen am Boden zu liegen. Dabei sind die Anlässe für Lachsalven hier oftmals gar nicht per se komisch, sondern liegen in der liebevoll aufgespürten Lächerlichkeit, die Mann und seinem Gebaren innewohnt.
Unvergesslich ist allerdings auch die vielleicht schönste Liebesszene, die keine Liebesszene ist, sondern eine, in der zwei einsame Menschen über Wein reden. Miles soll erklären, was er an Pinot mag, und redet eigentlich doch nur über sich und seine Sehnsucht nach Liebe. Und auch Mayas Antwortrede über das, was sie an Wein mag, zählt zum schönsten, was es an schöner, vielschichtiger Dialogkunst geben kann. Für Zeilen dieser Klasse (und davon gibt es hier eine Menge) würden andere Autoren töten.
Eben jene Zeilen entstammen wieder mal der Co-Produktion von Regisseur Alexander Payne und seinem Standardpartner Jim Taylor. Was soll man da sagen, "Never change a winning team"? Denn wenn Payne und Taylor so weiter arbeiten, wird man ihre Filmographie zukünftigen Generationen von Filmstudenten als Muss vorlegen. Wer nach "Citizen Ruth", "Election" und "About Schmidt" schon den vierten Volltreffer hintereinander hinlegt, den darf man jetzt schon zu den Großen zählen. Zumal dies ihr bester Film überhaupt ist, vielleicht auch weil beide Herren hier ihre Klasse vornehmlich durch geschickte Zurückhaltung beweisen: Indem sie ihre übliche Satire - die schon im ebenfalls grandiosen "About Schmidt" etwas verloren umherstolperte - einmal zu Hause lassen und sich voll und ganz auf die Figuren und ihre menschlichen Seiten verlassen.
Was natürlich nicht heißen soll, dieser Film wäre nicht kunstvoll, denn das ist er nicht zu knapp. Aber die Eleganz und inszenatorische Klasse wird einem erst auf den zweiten Blick klar, so viel Raum gibt Payne seinen Darstellern und der Geschichte. Trotzdem: Wie die ausgebleichte, sonnengegerbte Kinematographie sowohl an Paynes Vorbilder aus den frühen 1970ern gemahnt und gleichzeitig kongenial die Stimmung und Atmosphäre des südkalifornischen Weinlandes ausdrückt, das hat Stil und zeugt von Klasse. Wie etwa auch der Bild- und Tonschnitt, als Miles sich während des Vierer-Dates betrinkt und die Kamera die behäbige Angeschwipstheit (nichts anderes bedeutet übrigens der Filmtitel) des Darstellers transportiert.

Und die Darsteller selbst, hach. Unnachahmlich, wie Thomas Haden Church auch mit gebrochener Nase noch breitbeinig wie John Wayne durch die Gegend stolziert. Und Paul Giamatti, der schon in "American Splendor" ganz groß war, ist hier ein Monolith von einem Niemand. Sein neurotischer aber liebenswerter Charakter gibt dem Film sein Herz. So richtig exzellent wird das Ganze aber durch ihr Zusammenspiel und die in jeder gemeinsamen Szene zu spürende Chemie zwischen den beiden als gegensätzliche Kumpel. Und dass die ewig unter Wert verkaufte Virginia Madsen - über zehn Jahre nachdem sie sich im ungeliebten Horrorgenre die Seele aus dem Leib spielte ("Candyman's Fluch") - noch einmal eine richtig saftige Rolle bekommt, das ist wahre Gerechtigkeit. Zumal sie - wie auch Kim Basinger - mit zunehmendem Alter offenbar immer attraktiver wird, gerade weil sich ihr jugendlicher Sexappeal mittlerweile in eine andere, reifere Schönheit umgewandelt hat.

Das Genie des Films liegt darin, wie zutiefst menschlich sich seine Figuren, vor allem aber die beiden Hauptcharaktere verhalten. "Wann ist ein Mann ein Mann?" hat Grönemeyer gesungen, und "Sideways" gibt die Antwort: Wenn er so ist wie Miles oder Jack. Wer sich als Mann nicht in dem ängstlichen, zweiflerischen, exzentrischen, intelligenten, sarkastischen Verhalten von Miles oder den sexbesessenen, leichtlebigen, starrsinnig optimistischen, von Machoallüren durchsetzten, wankelmütigen, lügnerischen, auch grausamen Zügen von Jack oder - im Idealfall - in beiden zumindest ein bisschen wiedererkennt, der hat nicht richtig hingeschaut. Treffender, wahrhaftiger hat kein Film die Spezies Mann zusammengefasst. Auch wenn soviel Ehrlichkeit manchmal schmerzt. Wenn etwa Miles einsam und nur mit einem Pornoheft im Hotelzimmer zurückbleibt, oder er Mayas subtile Avancen panisch abwehrt, sich nach Beruhigung im Badezimmer dafür dann aber küssend auf sie stürzt, in dem zum Scheitern verurteilten Versuch, das ‚richtige' männliche Verhalten an den Tag zu legen, obwohl er den richtigen Moment dafür verpasst hat.

Am Ende hat man alles gehabt: Man hat vor Lachen am Boden gelegen, man war von diesen bezaubernden Figuren angerührt und man hatte einen Film, der einem auf einer realen menschlichen Ebene etwas mitgeteilt hat. Und so tritt mit seinem grenzenlosen Charme und seiner geballten Ehrlichkeit "Sideways" dem verlogenen Hollywood-Mainstream so richtig in den Arsch. Gäbe es mehr Filme wie diesen, die Welt (und die Filmindustrie in ihr) wäre ein besserer Platz. Dies ist der menschlichste, anrührendste, lustigste, zärtlichste und ehrlichste Film, den Hollywood seit vielen Jahren hervorgebracht hat. Und wer diesen Film verpasst, darf sich nicht mehr Filmliebhaber oder Cineast nennen.
Natürlich ist "Sideways" großartiger als Scorseses "Aviator". Natürlich wird er im Oscar-Rennen trotzdem gegen das verschwenderisch ausgestattete Hollywoodmärchen verlieren. Macht aber nix. Da gewinnen ja eh eigentlich nie die Richtigen. Und "Sideways" ist wie seine Hauptfigur: ein Underdog, den man von ganzem Herzen liebt.

Simon Staake

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