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Snowpiercer

Snowpiercer
science fiction , südkorea/usa/frankreich 2013
original
snowpiercer
regie
joon-ho bong
drehbuch
joon-ho bong, kelly masterson
cast
chris evans,
tilda swinton,
jamie bell,
john hurt,
ed harris, u.a.
spielzeit
126 Minuten
kinostart
3. April 2014
homepage
https://www.facebook.com/SnowpiercerOfficial
bewertung

9 von 10 Augen
snowpiercer

Alle Mann in Deckung, hier kommt die Science-Fiction-Bombe des Jahres. Leider wohl nur in wenige Kinos, aber Genrefreunde sollten sich bemühen, ein Programmkino ihrer Wahl aufzusuchen, denn als ernsthafter Fan des Genres darf man die raren Highlights nicht verpassen. Schließlich muss man schon bis zu „Moon“ zurückgehen, um intelligente Science-Fiction auf der Leinwand zu sehen, auch wenn „Oblivion“ im letzten Jahr eine fürs Mainstreamkino relativ anspruchsvolle und durchaus ansprechende Angelegenheit war. Bereits mit seinem kuriosen Monster-Mash Up „The Host“ hatte Joon-Ho Bong ja nachgewiesen, dass er Blockbustermomente und Spannung absolut erstklassig in Szene setzen kann. Wo sich aber jener Film beizeiten in Idiosynkratien und Albernheiten verlor und dann Mühe hatte, das Publikum zurück zu gewinnen, so ist „Snowpiercer“ von Beginn an hochkonzentriert und zieht dann gnadenlos seine Geschichte durch. Und diese Geschichte ist folgende:

In der nahen Zukunft setzen Forscher zur Bekämpfung der globalen Klimaerwärmung ein Mittel ein, dass die Temperaturen auf ein stabiles Niveau senken soll. Aber diese Intervention hat fatale Folgen: Temperaturen fallen überall auf der Erde und rotten die Menschheit aus. Nur einige wenige hundert Menschen überleben an Bord des „Snowpiercer“, einer High Tech-Eisenbahn, die Schnee und Eis trotzt und quer über den vereisten Globus im Kreis fährt. Jahrzehnte später: Im Snowpiercer ist seit langem eine klare gesellschaftliche Ordnung etabliert: Die Ärmsten der Armen leben im hintersten Waggon des Zuges unter erbärmlichen Umständen, während die Reicheren in den vorderen Waggons leben und den „Pöbel“ im letzten Waggon nur mit Waffengewalt unter Kontrolle halten. Als die herrschende Klasse unter Leitung der Bürokratin Mason (Tilda Swinton) aber zwei kleine Kinder aus dem letzten Waggon entführen, haben die Armen genug: Der junge Edgar (Jamie Bell) bringt den schweigsamen Curtis (Chris Evans alias „Captain America“), der nur widerwillig die Rolle des Anführers übernimmt, dazu, die lange geplante Revolte in die Tat umzusetzen. Nur mit rudimentären Waffen ausgestattet, befreit die Gruppe erstmal den im Zuggefängnis vor sich hinschmorenden Nimgoong-Soo (Kang-Ho Song) und seine Tochter Yona (Ah-Sung Ko), da Nimgoong-Soo einst die Sicherheitstüren zwischen den einzelnen Waggons kreierte und sie hoffen, mit seiner Hilfe weiter im Zug voranzukommen. Ihr Ziel: Die Lokomotive...
 

„Wer die Maschine kontrolliert, kontrolliert die Welt“ – das war schon in der Urmutter aller Science-Fiction-Dystopien „Metropolis“ so und das ist auch viele viele Jahre später im Urururururenkel „Snowpiercer“ nicht anders. Was besonders schön ist an diesem Film in diesem Genre, dass sich so oft in bloßer Kopie selbst verschlingt: Man muss an verschiedenen Momenten in „Snowpiercer“ an die großen Vorgängerstreifen im Genre denken, ohne dass dieser neue Film diese Einflüsse oder Ähnlichkeiten plakativ wie bei einer Tarantino'schen Pastiche hervorstellt oder stillschweigend als Eigenleistung verkaufen will: Man erinnert sich an die Großtaten des Genres, aber „Snowpiercer“ ist selber eine solche Großtat, weil er die Mechanismen der Dystopie (Unterdrückung des Proletariats, soziale Klassifizierung durch lokale Begrenzung, Faschismus mit pseudo-religiösem Unterton) zwar streift und aufgreift, sie sich aber zu Eigen macht und zu einer zwar nicht gänzlich originellen (oder originären) Geschichte zusammenbaut, aber zu einer Geschichte, die eine enorme visuelle und intellektuelle Kraft entwickelt. Und so muss man bei den Proteinriegeln, die an die Unterschicht verteilt werden, natürlich an „Soylent Green“ denken, oder bei der absurden Klassenzimmerszene oder der Figur Mason an „Brazil“. Doch „Snowpiercer“ biedert sich in solchen Szenen nicht an die Klassiker an, nein, er reanimiert ihren Geist für seinen ganz eigenen Dreh.

„Snowpiercer“ setzt sich positiv von ähnlich gelagerten Dystopien ab, in dem er seine dystopische Gesellschaft konsequent (und zwar brutalst konsequent) zu Ende denkt. Oftmals entwirft ein Film ja eine auf den ersten Blick faszinierende Welt, die aber bei genauem Hinschauen recht schnell in sich zusammenfällt. Das hat sicherlich auch damit zu tun, dass in „Snowpiercer“ zwangsläufig diese dystopische Gesellschaft extrem kondensiert ist – was sowohl Anzahl als auch Setting betrifft – und man die auftretenden Situationen konsequent zu Ende denken kann. Zum anderen aber eben auch an einer Geschichte, die sich nicht nur mit einfachen oder bequemen Antworten zufrieden gibt. Sowohl der Hintergrund der Helden als auch der ihrer Revolution werden gegen Ende des Films in einer untypisch drastischen Art beleuchtet, die deutlich zeigt, dass wir es hier nicht mit einem sicheren Produkt made in Hollywood zu tun haben.

Die Enthüllungen gegen Ende des Films haben nichts von der Gimmickhaftigkeit so manches finalen Plottwists, sondern sind logisch aufgebaut und antizipiert. Der Zuschauer fühlt sich nicht in seiner Intelligenz betrogen, wie so oft in Hollywoods Science-Fiction- und Action-Ware, sondern vielmehr in ihr bestätigt. Die Antworten, die „Snowpiercer“ findet, etwa auf die Frage, wie sich eine solche auf so engem Raum zusammenlebende Gesellschaft über Jahre so halten kann, sind so fernab vom Hollywood-Mainstream wie man sich nur vorstellen kann. In den Schlussminuten läuft es einem gleich mehrmals kalt den Rücken herunter, als die ganze Skala des Lebens im „Snowpiercer“ so richtig deutlich wird (Und glücklicherweise werden deutsche Filmfreunde in den Genuss dieser Szenen kommen, während Harvey „Scissorhands“ Weinstein den Film für seinen US-Start um 30 Minuten kürzen lässt und so vermutlich dem Film seine Tiefe und seine kontroversen Aspekte nehmen wird).

Dafür ist das zum Teil deutlich von der Vorlage (eine französische Comicserie der Autoren Jacques Lob und später Benjamin Legrand und des Zeichners Jean-Marc Rochette) abweichende Drehbuch verantwortlich, das Bong zusammen mit Kelly Masterson verfasst hat. Masterson hat bisher ja nur das gelungene Drehbuch zu „Before the Devil knows you're Dead“ verfasst, aber hier wohl die zum Teil extremen Stimmungsschwankungen in Bongs bisherigen Filmen abgeschwächt. Und zusammen haben beide die aus der Comicreihe entnommene dystopische Welt geschickt umgewandelt. Wo anderen Filmen eine fast wie im Computerspiel vorhandene Level-Struktur oftmals zum Verhängnis wird, da sich schnell Wiederholungen und Langeweile einstellen, ist bei „Snowpiercer“ genau das Gegenteil der Fall, hier wird diese Art von Struktur kongenial genutzt. Waggon um Waggon kämpfen sich die Rebellen voran, und wie sie wissen auch wir nicht, was sie hinter der nächsten Tür erwartet. Und da kann man dann oftmals nur staunen, ob des visuellen und inhaltlichen Einfallsreichtums, die im Snowpiercer versteckt ist.

Mehr will man da auch nicht verraten, denn die einzelnen Waggons des Schneebrechers sollte schon jeder selbst entdecken, aber eines sind die oftmals absurden Miniwelten hier immer: denkwürdig und unvergesslich. Dazu kommen einige fabulöse, so noch nicht gesehene Set Pieces, etwa ein Scharfschützenduell über mehrere Waggons hinweg des sich in einer Kurve befindenden Zuges. Oder aber ein Massenkampf auf engstem Raum, der durch einen herannahenden Tunnel plötzlich unter gänzlich veränderten Bedingungen stattfindet. Da soll also noch einer sagen, er habe schon alles gesehen. „Snowpiercer“ beweist dem Zuschauer, das dem nicht so ist, und allein seine bildgewaltige Inszenierung macht den Film zu einem der aufregendsten des Kinojahres.

„Snowpiercer“ hat all das, was man sich von einem Genrefilm – ach was, überhaupt von einem Film – wünscht: gute Ideen, intelligente Antworten auf schwierige Fragen, visuellen Reichtum, packende Actionszenen. Mehr geht eigentlich nicht, und so konstatieren wir: So gut war Genrekino schon lange nicht mehr. Wer einen der Filme des Jahres nicht verpassen will, sollte rechtzeitig ein Ticket für die Fahrt im Schneebrecher lösen.

Simon Staake

Lieber Herr Staake, vielen

9

Lieber Herr Staake, vielen Dank für diese Rezension, der ich mich aus vollstem Herzen anschließe. Es wird Sie (und alle anderen Filmfreunde) sicher freuen, dass Park Chan-Wook, hier als Produzent dabei, auf der Berlinale im Gespräch nach der Aufführung verkündete, dass Snowpiercer nun doch seinen US-Release in der ungeschnittenen Fassung erleben darf. Weinstein konnte anscheinend doch noch umgestimmt werden!

Klingt spannend, mal sehen ob

Klingt spannend, mal sehen ob er in der Nähe läuft. Es heißt aber immer noch "Idiosynkrasien" ;)

Hab ihn gesehen und bin

8

Hab ihn gesehen und bin durchaus beeindruckt. Seltene, gelungene Mischung aus einem spannenden SF-Action-Thriller und
einer sehr durchdachten, intelligenten Geschichte.

Danke, Filmszene, für diesen

9

Danke, Filmszene, für diesen Filmtipp! Auf solche Perlen muss man lange warten, und diese wäre beinahe spurlos an mir vorüber gegangen. Ein großartiger Film! Hätte der Film 2 Minuten früher geendet, ich hätte ihn in den allerhöchsten Olymp gelobt und als neuen Kultfilm bezeichnet. So reicht es aber immer noch für 9 Augen.

Hatte echt hohe Erwartungen,

3

Hatte echt hohe Erwartungen, aber der Film war so schlecht, das ich zum ersten Mal seit dem ich mich erinnern kann eingeschlafen bin!!!
Verstehe einfach nicht was an dem gut sein soll.Sorry, aber ausser Ed Harris ist hier fast gar nichts gut.
Paar nette Effekte, die Story naja und das wars.
Eigentlich war jeder Film in den letzten 3 Jahren den ich gesehen habe besser.

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