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Stronger

Stronger
drama , usa 2017
original
stronger
regie
david gordon green
drehbuch
john pollono
cast
jake gyllenhaal,
miranda richardson,
clancy brown,
tatiana maslany,
nate richman, u.a.
spielzeit
119 Minuten
kinostart
19. April 2018
homepage
https://deinkinoticket.de/stronger/infos
bewertung

6 von 10 Augen
Stronger Plakat

Der AnschlagEin Mann verliert bei dem Terroranschlag auf den Boston-Marathon im Jahr 2013 seine beiden Beine, wird für eine ganze Stadt zum Helden und kämpft sich mühevoll zurück ins Leben. Jeff Baumanns Geschichte ist wirklich bewegend. Da überrascht es nicht, dass Hollywood sich ziemlich schnell die Rechte an dessen Buch “Stronger“ sicherte. Basierend auf einer wahren Geschichte – das zieht ja auch immer. In diesem Fall ist es aber auch eine gefährliche Gratwanderung auf die man sich hier als Filmemacher begibt. Eine Schippe zu viel Melodramatik und schon können auch die besten Intentionen leicht wie billig kalkulierter Kitsch auf Kosten eines vom Schicksal gebeutelten Menschen wirken. Diesen Vorwurf kann man “Stronger“ nicht wirklich machen, da der Film den fast heldenhaften Kult, der sich damals um Baumann entwickelte, lange Zeit spürbar kritisch betrachtet. Vorhalten muss man den Machern aber dagegen, dass sie trotz interessanter Ansätze viel zu wenig zu sagen haben und ihrer Geschichte nie die notwendige emotionale Tiefe und Wucht verleihen können.

Viel Tiefe spielt sich zu Beginn des Films im Leben von Jeff Baumann (Jake Gyllenhaal) gerade nicht ab. Mit seinem einfachen Job als Angestellter einer Supermarktkette hat Jeff sich arrangiert, ebenso mit der Tatsache, dass er noch immer im Haus seiner dem Alkohol verfallenen Mutter (Miranda Richardson) residiert. Alleine die On-off-Beziehung mit der attraktiven Erin (Tatiana Maslany) scheint in ihm noch wirklich Ehrgeiz zu entfachen. Die Entscheidung, Erin im Zieleinlauf des Boston-Marathons anzufeuern, hat allerdings fatale Folgen für Jeff. Bei einem Terroranschlag verliert er dort beide Beine und muss sich nun mühsam ein neues Leben aufbauen. Das ganz Boston ihn derweil zu einer Art Stadtmaskottchen und als Sinnbild für Stärke im Zeichen des Terrors auserkoren hat, geht ihm aber schon bald auf die Nerven – ebenso wie die Tatsache, dass seine Mutter in der Publicity-Arbeit für ihn eine neue Lebensbestimmung gefunden hat.

Jeff und ErinKeine Frage, die Geschichte von Jeff Baumann ist ein bewegendes Einzelschicksal. Und “Stronger“ merkt man an, das der Film die meiste Zeit tunlichst vermeiden will zu eindimensional oder manipulativ zu wirken. Jeff wird als Held wider Willen gezeichnet, der mit dem Rummel um seine Person erst mal so gar nichts anfangen kann. Subtile Töne statt überbordendem amerikanischen Pathos – das klingt doch gut. Da gibt es leider nur zwei kleine Probleme. Zum einen, aber dazu kommen wir später noch, verliert der Film diese subtile Herangehensweise etwas im letzten Drittel. Und zweitens blitzt dann doch immer wieder dessen kulturelle Herkunft in einer Art und Weise auf, die uns in Europa eher den Kopf schütteln lässt. Am deutlichsten zeigt sich das in der Szene, in der die komplette Familie von Jeff in frenetischen Jubel ausbricht, als sie erfährt, dass einer der Attentäter getötet wurde. Für unseren Kulturkreis ist diese “Auge um Auge, Zahn um Zahn“-Mentalität dann doch eher befremdlich. Problematisch wird die Szene aber erst dadurch, dass der Film sie unkommentiert lässt und man so hier nicht mit dem Film, sondern über den Film und dessen Figuren den Kopf schüttelt.

Natürlich, Jeffs Familie ist im wesentlichen amerikanischer “White Trash“. Aber während andere Filme es schaffen uns auch solche Figuren näher zu bringen und ein gewisses Verständnis für sie aufzubringen, bleibt “Stronger“ diesbezüglich leider zu oft an der Oberfläche. Abgesehen von Jeffs Mutter Patty wirkt der Rest der Baumanns einfach zu eindimensional und klischeehaft, um solche Szenen wie den Jubelausbruch durchgehen zu lassen. Und auch Patty ist eher eine verpasste Chance. Auf dem Papier ist der Konflikt zwischen ihr und Jeff eigentlich der vielversprechendste des ganzen Films. Hier der Sohn, der wider Willen zum Held avanciert aber eigentlich doch ganz andere Probleme hat; dort die Mutter, die durch den Rummel um ihren Sohn zum ersten Mal im Leben so etwas wie Stolz fühlt und mit der Publicity endlich eine erfüllende Aufgabe für sich gefunden hat. Das führt auch zu einigen toll gespielten und wirklich intensiven Szenen in der ersten Hälfte des Films, aber gegen Ende wird dieser Handlungsstrang leider immer mehr aus den Augen verloren. Das geht auf Kosten der Figur und so ist Patty dann im späteren Verlauf fast eher nervig als belebend.

TrainingszeitStattdessen rückt der Fokus auf die Liebesgeschichte zwischen Jeff und Erin. Genug Chemie ist zwischen den beiden Figuren durchaus vorhanden, aber ihre Geschichte ist dann doch ein gutes Stück zu vorhersehbar und oberflächlich. Hier ist “Stronger“ einfach nur nett anzuschauen, kann aber nicht wirklich emotional mitreißen. Und das liegt dann doch zu einem gehörigen Teil auch an seiner Hauptfigur. Hauptdarsteller Jake Gyllenhaal kann man da nur beschränkt einen Vorwurf machen. Er wirft spürbar seine ganze Kraft in die Figur und auch wenn er stellenweise schon etwas an seine schauspielerischen Grenzen kommt, gibt er doch eine durchaus ordentliche Leistung. Nein, das Problem ist die Figur an sich. Jeff verhält sich die meiste Zeit emotional so passiv, dass es enorm schwierig ist wirklich eine enge Bindung zu ihm einzugehen. Er ist spürbar überfordert mit all dem was da von außen auf ihn einprasselt, lässt die meiste Zeit einfach alles über sich ergehen und trifft nur selten eigene Entscheidungen. Das mag durchaus realistisch für eine Figur unter diesen Umständen sein, macht die Identifikation mit ihm aber doch irgendwie etwas schwierig.

So gibt es gegen Ende eine Szene in einem Baseballstadion, die offensichtlich als großer emotionaler Moment und Katharsis vorgesehen ist. Alleine, davon kommt so gar nichts beim Zuschauer an. Nicht nur, dass Jeff in der Szene wieder einmal komplett jegliche Eigeninitiative vermissen lässt. Viel schlimmer wiegt noch, dass wir ein paar Minuten zuvor bereits schon eine sehr ähnliche Szene in einem Eisstadion präsentiert bekommen haben – die emotional sogar noch etwas überzeugender war. Es sind diese emotionalen Beats, die in “Stronger“ einfach manchmal nicht so richtig funktionieren wollen.

Ein gefeierter HeldDas ist schade, weil die Herangehensweise des Films eigentlich interessant ist. Die Diskrepanz zwischen dem, was eine ganze Stadt in Jeff sieht, und wie dessen frustrierender Alltag aussieht, baut ein ziemlich faszinierendes Spannungsfeld auf. Nur macht der Film viel zu wenig daraus. Es gibt ein paar leisere Momente, die gut funktionieren und in denen schön deutlich wird, dass bei aller medialer Aufmerksamkeit wir es hier mit einem zutiefst einsamen Menschen zu tun haben. Aber wirklich konsequent treu bleibt der Film dieser Linie nicht und das wird dann spätestens gegen Ende deutlich. Da entscheidet man sich doch für einen gewissen Pathos und schickt die Vielschichtigkeit der Figur auf die Ersatzbank. Hier taucht dann auch noch schnell eine zweite arg vom Schicksal gebeutelte Figur auf, die viel zu wenig Zeit bekommt um Tiefe zu entwickeln und eher wie ein ungeschickter Versuch wirkt, für noch mehr Melodramatik am Ende zu sorgen,

Ordentliche Darsteller und eine Geschichte, die eigentlich ihr Herz am rechten Fleck hat, sorgen dafür, dass “Stronger“ am Ende immer noch ganz ansehnlich geraten ist. Bei so einer dramatischen Vorlage ist “ganz ansehnlich“ aber dann doch nur eine Formulierung dafür, dass man hier eine große Chance hat liegenlassen.

Matthias Kastl

„...und auch wenn er

„...und auch wenn er stellenweise schon etwas an seine schauspielerischen Grenzen kommt,...“

Entschuldigung, aber was für Grenzen sollen das denn bitte sein? Hat der Verfasser dieser Zeile in den letzten fünf Jahren auch nur einen Gyllenhaal-Film gesehen? Prisoners, Enemy, Nocturnal Animals, Southpaw, Nightcrawler, den absolut grandiosen Demolition.

Das soll kein persönlicher Angriff auf den Rezensenten oder seine Wertung sein. Die restliche Rezension ließt sich sehr durchdacht, reflektiert und glaubwürdig. Ich versuche nur zu verstehen, woher diese Haltung kommt. Ich kann zu dem Film, der hier besprochen wurde, und die schauspielerische Leistung des Hauptdarstellers darin nicht viel sagen, da ich ihn nicht gesehen habe. Was ich jedoch sagen kann ist, dass die Vorstellung Mr. Gyllenhaal könnte von einem scheinbar mittelmäßigem Skript, und einem Regisseur, von dem ich noch nie was gehört habe (sagt selbstverständlich nichts über seine Qualitäten aus), an seine schauspielerischen Grenzen gebracht werden, auf mich eine sehr befremdliche Wirkung hat. Das haben die Herren Mendes, Lee, Fincher, Villeneuve oder Gilroy nicht geschafft und ich halte es für sehr unglaubwürdig, dass es hier anders sein soll.

Das hier ist kein Fanboy-Gequatsche. Ich halte Jake Gyllenhaal für einen der besten Darsteller, die es aktuell gibt, und ein einziger Blick in die Filmografie dieses Mannes macht deutlich, dass es einige der besten Regisseure unserer Zeit nicht anders sehen.

Ein Schauspieler kann nur so gut sein, wie die Anweisungen, die er bekommt und die Worte, die ihm in den Mund gelegt werden. Und in diesem Fall würde ich ein Monatsgehalt darauf verwetten, dass es an der Qualität dieser Elemente liegt und nicht an der Leistung des Darstellers.

Vielleicht bin ich etwas überempfindlich, doch es ist genau dieser elitäre Unterton, der nicht nur hier, bei Filmszene, sondern bei den meisten Rezensenten eines kreativen Mediums mitschwingt. Und ich wollte hier mal etwas weniger dezent darauf hinweisen, dass eine solche Haltung für den Leser nicht unbedingt inspirierend ist.

Bin trotz allem gespannt auf den Film und hoffe, dass ich niemanden zu nahe getreten bin. Falls doch, entschuldige ich mich schon mal im voraus. Bis dann und danke.

Es ist immer wieder

Es ist immer wieder erstaunlich, mit welcher Selbstgerechtigkeit über andere Völker bzw. "Kulturkreise" geurteilt wird. gegen die USA geht das hierzulande immer leicht von der Zunge. nun zeigt der Film die jubelnde Familie wohl deshalb, weil die Menschen in den USA wohl so reagiert haben. Insbesondere die Familie eines Betroffenen, dem gerade beide Beine weggerissen wurden. Was sollte der Film hier kommentieren? Wer kann darüber befinden, wie man zu reagieren habe, nachdem zwei Menschen einen hinterhältigen Bombenanschlag verübten und drei Menschen - darunter ein kleines Mädchen - töteten und viele weitere verletzten? Auge um Auge, Zahn um Zahn-Mentalität passt in diesem Falle auch nicht wirklich, weil es ja keinen Rachefeldzug oder eine Hinrichtung gab, sondern der Täter sich selber bzw. von seinem Bruder getötet wurde - nachdem er Sprengsätze auf die Polizisten geworfen hat. Diese Taten und die beiden Bestien bleiben im Übrigen komplett unerwähnt. Stattdessen wird nochmal nachgelegt und die Figuren werden "natürlich" dem White Trash zugeordnet - also der ungebildeten Unterschicht. Für unseren Kulturkreis, der nur zu gern den selbstgefälligen Zeigefinger erhebt, wäre all das undenkbar.
Derartige herablassende Verallgemeinerung ist für mich "eindimensional" und "oberflächlich".

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